Multiple Projects Disorder – Halb so viele Ideen wären auch genügend.
Es beginnt harmlos. Ein Funken, ein Bild, ein Satz, der sich nachts um halb drei ins Bewusstsein schleicht und dort Möbel verrückt, bis er sitzt. Eine junge Künstlerin, die das perfekteste Porträt malen will — und dabei vielleicht entdeckt, dass Perfektion ein Gesicht hat, das man nicht festhalten kann. Das falsche Porträt. Wunderschön. Sofort notieren.
Dann, beim Frühstück, während der Kaffee noch dampft: ein junger Mann, Callcenter-Agent, stirbt bei einem Unfall und landet — weder im Himmel noch in der Hölle, sondern wieder in einem Callcenter. Diesmal als Support für die Lebenden. Himmel, Hölle oder Callcenter. Man lacht. Man greift zur Serviette. Notiert.
Und dann ist da noch Flints letzter Auftrag — ein Killer, hereingelegt, als Geist zurückgekehrt, Rache im Herzen und keine Hände mehr dafür. Der Nachtbus, prall gefüllt mit Kurzgeschichten wie Passagiere, die man nie vergisst. Eine Psychologin, die unheimliche Fälle löst, in einer Serie, die nach Staffeln schreit, obwohl noch keine einzige Seite existiert. Und noch einiges mehr — was in diesem Fall bedeutet: erschreckend viel mehr.
Das ist Multiple Projects Disorder. Kein anerkanntes Krankheitsbild, aber wer je versucht hat, in fünf Dokumenten gleichzeitig zu schreiben, kennt die Symptome. Die innere Kakophonie. Das Gefühl, auf einem Bahnhof zu stehen, auf dem alle Züge gleichzeitig abfahren, während man noch überlegt, welches Gleis das richtige ist.
Was also tun, wenn die Geschichten lauter werden als die Stille, die man zum Schreiben braucht? Die ehrliche Antwort: zuhören. Jede dieser Ideen rumort, weil sie etwas will — nicht Aufmerksamkeit, sondern Gestalt. Also aufschreiben, was da ist. Nicht ausarbeiten — festhalten. Ein Satz, der den Kern trifft. Wer ist da? Was will er? Wozu drängt es?
Und dann, fast trotzig pragmatisch: eines beginnen. Nicht das Beste. Nicht das Wichtigste. Das Lauteste. Das, das einem keine Ruhe lässt, wenn man an etwas anderem sitzt. Die anderen werden warten — Geister sind geduldig, Künstlerinnen auch, und Callcenter-Agenten im Jenseits haben bekanntermaßen Zeit.
Vielleicht ist der Multiple Projects Disorder am Ende gar keine Störung. Vielleicht ist es schlicht das Zeichen, dass man zu viel lebt, um nur eine Geschichte zu sein.













